Demograhieforum

Bilder von aktiven Älteren fehlen

Demographieforum im Rathaus: Experten klagen über Vorurteile — Neues Wohnen


VON SILKE ROENNEFAHRT

Die Bevölkerung wird älter, bunter — und kleiner: Der Umgang mit dem demografischen Wandel ist eine große Herausforderung für die Kom­munalpolitik. Das Seniorenamt wagte deshalb im Rathaus vor 300 Zuhörern den Blick über den Tellerrand und befasste sich mit den „Chancen einer älter werdenden Stadtgesellschaft“.


Schlechtere Wasserqualität und demografischer Wandel? Auf den ers­ten Blick scheinen die beiden Themen nicht viel miteinander zu tun zu haben. Doch allzu lange muss man nach der Verbindung nicht suchen. Weniger Einwohner verbrauchen weniger Wasser; wenn weniger Was­ser durch die Leitungen fließt, drohen Pilze in den Rohren zu wachsen – und das ist einerseits natürlich nicht gut für die Wasserqualität und hat ande­rerseits mit sinkenden Einwohnerzah­len in mittelgroßen Städten wie Biele­feld zu tun.


Die Frage, wie das Problem gelöst werden könnte, ist deshalb eine von vielen, mit denen sich Susanne Tatje auseinanderzusetzen hat: Sie ist Demografiebeauftragte der westfäli­schen Stadt und hat eine Stabsstelle, die direkt dem Oberbürgermeister zugeordnet ist. Mit anderen Worten: Sie kann in sämtlichen Themenberei­chen mitreden, wenn es um den demo­grafischen Wandel geht. Und das macht die Soziologin gerne, denn zu tun gibt es aus ihrer Sicht in diesem Aufgabenfeld jede Menge.


Die künftige Wasserqualität ist da nur ein Detailproblem, doch Tatje erwähnt das Beispiel, weil es zeigt, wie vielfältig die Herausforderungen sind, die der Wandel in der Bevölke­rungsstruktur mit sich bringt. Beson­ders wichtig ist in ihren Augen die Stadtteilentwicklung. In Bielefeld saßen deshalb städtische Planer, Ver­treter der Wohnungswirtschaft, des Stadtmarketings und der Jugendar­beit an einem Tisch, um über „Räume der Zukunft“ zu diskutieren. Heraus­gekommen ist dabei etwa der „Master­plan Wohnen“, der neue Wohnformen für Jung und Alt fördern will.

Nachbarschaft statt Familie?
Damit liegt die Kommune richtig, wie Christof Eichert meint. „Wir müs­sen die Nachbarschaft stärken, um Gemeinschaft zu halten“, sagt der Abteilungsleiter im nordrhein-westfä­lischen Ministerium für Generatio­nen, Familie, Frauen und Integration – er selbst spricht lieber vom „Ministe­rium für das Miteinander“. Eine gute Nachbarschaft sei wichtig, weil künf­tig vielen „die geborene Solidarität in der Familie“ fehlen werde: Bereits in zehn Jahren werden 30 Prozent der 65-Jährigen keine eigenen Kinder haben. „Wer ist da, wenn ich alt bin?“ Diese Frage müsse in den Kommunen beantwortet werden, sagt Eichert. „Wir brauchen ein Dach, unter dem sich die Menschen treffen können.“ Die Ballungszentren müssten zudem auf die wachsende Zahl älterer Menschen mit einer Zuwanderungsge­schichte reagieren. „Das wird unser Land massiv verändern.“ Eichert wünscht sich außerdem „jüngere Bil­der vom Alter“: In den Köpfen über­wiegen aus seiner Sicht Vorurteile und Belastungen, Bilder von aktiven Älteren am Arbeitsplatz fehlten völlig in der Werbung. Um das zu ändern, gab das Ministerium sogar einen Film in Auftrag.

Professor Gerhard Naegele vom Institut für Gerontologie an der Tech­nischen Universität Dortmund warnt allerdings davor, bei neuen Leitbil­dern nur an die jüngeren, engagierten Älteren aus der sozialen Mittel- und Oberschicht zu denken. Das Thema Altersarmut werde nicht so bald der Vergangenheit angehören; man müsse die Teilhabe aller fördern, sonst drohe die Ausgrenzung einzelner Gruppen. Projekte der Kommunen könnten eine Leuchtturmfunktion übernehmen.

Eine Botschaft, die in manchen Gemeinden schon ankommt. In Stade bei Hamburg kümmert sich zum Bei­spiel ein städtischer Betreuungsverein um Dienstleistungen wie „Essen auf Rädern“ und die Versorgung Demenz­kranker und betreibt eine Cafeteria. „Die Angebote sollen erschwinglich sein“, sagt Hans Jörg Rothen von der Bertelsmann-Stiftung, der einen Über­blick über vorbildliche kommunale Seniorenprojekte gab. Für die Gastge­ber hatte er jedoch ebenfalls Lob im Gepäck. „Nürnberg war und ist in die­sem Bereich sehr innovativ.“

 

Artikel der Nürnberger Nachrichten vom 21.01.2010

 

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